Text zu Ausstellungs Eröffnung

Valerie Schaller
Heart Filling Station - Allerheiligenkirche Frankfurt

Stefanie Blumenbecker, Kunsthistorkerin, Frankfurt am Main



Valerie Schaller verwandelt die Allerheiligenkirche heute Abend in die Heart Filling Station - in einen Kraftraum des Herzens. In einen Raum, in dem sich Herzenergie entfaltet und Sie als Besucher ihr Herz wieder mit Kraft, Hoffnung, Liebe und Energie aufladen können.

Dabei fallen Ausstellungsort und Ausstellungsinhalt auf kongeniale Weise ineinander. Zum einen macht die Videoinstallation von Valerie Schaller die wirklich bemerkenswerte Architektur der Kirche neu erleb bar. Anstatt die Räumlichkeit zu ignorieren, wie es durch das Aufstellen von Stellwänden z.B. geschehen würde, wird durch die Videoprojektion auf die Stirn- und die Seitenwände sowie des Fußbodens der Kirche, der Kirchenraum als Raum erleb bar.

Der eigentliche architektonische, also dreidimensionale physische Raum der Kirche tritt durch die Lichtprojektion sehr präsent ins Bewusstsein. Der Raum wird erfahrbar, wahrnehmbar. Und gleichzeitig, untrennbar damit verbunden, wird auch der geistige, also spirituelle Raum der Kirche neu erfahrbar und wahrnehmbar.
Ohne explizit christliche Elemente wie Kreuze oder Heiligendarstellungen zu verwenden, knüpft die Künstlerin doch unmittelbar an christliche, kosmologische, ganzheitliche und überraumzeitliche Bildtraditionen an:
Die erste Projektion, die dem Betrachter beim Betreten der Kirche entgegentritt ? wortwörtlich, denn sie befindet sich zu Füßen des Besuchers auf dem Fußboden, ist die Fußwaschung: Man sieht auf den Boden des Kirchenraumes die Füße einer jungen Frau, mit rot lackierten Nägeln projiziert. Entspannt ragen sie in einen Bottich mit klarem Wasser. Liebevoll werden sie von den Händen einer anderen Frau mit einem Stück Seife eingerieben, massiert, gehalten, umspült. Die Bewegungen sind langsam und meditativ. Man spürt die Hingabe und die Liebe, die sich in der Handlung ausdrücken.


Das Thema der Fußwaschung ist explizit ein biblisches. Als eine der letztes Handlungen und Belehrungen an seine Jünger, wäscht Christus ihnen am Abend des letzten Abendmahles die Füße. Dieser Abend wird stets am Gründonnerstag gefeiert, also in der übernächsten Woche.
Diese Fußwaschung, von Christus ausgeführt, gab schon bereits seinen Jüngern Rätsel auf, und Petrus war einigermaßen erstaunt und zunächst auch abwehrend ihr gegenüber. Wahrscheinlich empfand er sich nicht als würdig genug, von seinem Meister die Füße gewaschen zu bekommen. Die Fußwaschung ist eine rituelle Handlung, die zu Zeit des Wirkens Jesu im Orient wohl weit verbreitet war und die Gastfreundschaft symbolisieren sollte. Durch die Bibelerzählung aber wurde der Ritus der Fußwaschung vor allem als ein Ausdruck von Demut aufgefasst und als ein Dienst am anderen Menschen. Damit ist die Handlung die Füße eines Menschen zu waschen, auch stets  ein Ausdruck von Würde, der des Dienenden und der des Bedienten. Man wendet sich dem Anderen zu. Da der Waschende sich hinknien muss, um seinem Gegenüber die Füße waschen zu können, ist mit diesem Hilfedienst auch stets eine Erniedrigung der eigenen Person verbunden, eben eine Demutshaltung.

Die Lichtprojektion von Valerie Schaller hat neben der kulturhistorischen Bedeutung aber auch eine unmittelbare Wirkung: Den Füßen des Betrachters begegnen die projizierten Füße des jungen Mädchens. Sie ziehen die Aufmerksamkeit nach unten, sie 'erden' den Betrachter. Gleichzeitig sieht man auf dem Kirchen-Boden sonnendurchflutetes Wasser, wodurch die Elemente des Fließens, der Bewegung und des Lichtes in den Raum hineinkommen.

Über dem Altar, an der Stirnwand der Kirche befindet sich die zentrale Projektion der eigentlichen ?Heart Filling Station?. Verschiedene ineinander montierte Bilder wechseln sich ab. Der fast 15min dauernde Loop wird von einer Sequenz eröffnet, die eine Ultraschallsequenz eines schlagenden Herzens zeigt. Über dieses, durch ein medizinisches Messgerät erstelltes Bild legt sich die Inschrift: 'FEEL YOUR HEART / FEEL YOURSELF'. Das menschliche Herz ist ein etwa faustgroßer Muskel, der ununterbrochen, über die gesamte Dauer unseres Lebens etwa 70 Mal in der Minute schlägt und das Blut durch unseren Körper pumpt. Etwas, über das wir im Allgemeinen nicht nachdenken, das aber so komplex und gleichzeitig so stetig ist, das es wirklich ein Wunder im Inneren unseres Körpers ist.
Das menschliche Herz ist aber nicht nur der eine Muskel, der den Rhythmus unseres Lebens bestimmt, es ist gleichzeitig der Ort, in dem wir die Liebe spüren und verorten. Wir können spüren, wie sich unser Herz weitet oder zusammenzieht, öffnet oder schließt. Wie es das ja buchstäblich auch tut, nur dass neben dem Blut auch geistige Energie durch das Herz strömt.

Das sehr reale Bild eines leibhaftigen schlagenden Herzens in Schallers? Videoarbeit wird abgelöst von einer Sequenz, in der verschiedene Rosen zu sehen sind. Ein Rosengarten, der Blick auf eine Rosenblüte in einer sich öffnenden und schließenden Hand, und einzelne, ineinander montierte, rotierende Rosenblüten.
Die Rose als Symbol ist seit langem in der Kunstgeschichte verankert. Durch ihre roten Blüten verweist sowohl auf die Liebe wie auf den Schmerz. Die mit Dornen bekrönte Rose ist ein Christussymbol. Aber auch als Mariensymbol ist sie weit verbreitet. Sie verweist auf die sieben Schmerzen Mariens, es gibt berühmte Darstellungen der Maria im Rosenhag. Die Rose verströmt ihren zarten Duft ohne Wollen und ohne Absicht und schenkt ihn jedermann gleichermaßen. Die Blütenblätter sind konzentrisch angeordnet und verdichten sich zur Mitte hin. Die Rose gilt als die Königin der Blumen und als Inbegriff der Schönheit. Sie ist auch in der Populärkultur ein Symbol der Liebe und der Romantik.In der Videoarbeit von Valerie Schaller wird eine Verbindung zwischen dem Herz und der Rose hergestellt, eine Entsprechung sowohl der Formen als auch der spirituellen Bedeutung.

Flankiert wird die zentrale Arbeit von zwei Abbildungen von Sonne und Mond. Die Himmelsgestirne, die für unser Leben auf Erden die wichtigsten sind und die unsere Weltwahrnehmung wesentlich bestimmen, bilden gemeinsam mit der Herz-Arbeit in der Kirche ein kosmisches Triptychon.  Das Herz in Kombination mit Sonne und Mond verweisen dabei auf die kosmische Ganzheit, auf Tag und Nacht, auf Mann und Frau, auf das Expansive und das Invasive aber auch auf die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos.

Die Sonne, ohne die kein Leben möglich wäre, war wohl in allen Kulturen der Welt zu allen Zeiten ein zentrales Gottessymbol. Sie spendet Licht und Wärme, ihr Aufgehen und Untergehen bestimmte über Jahrtausende den Rhythmus des Lebens. In Schallers Arbeit sehen wir die Sonne aus einer Nähe und mit einer Genauigkeit, wie sie das menschliche Auge nicht erfassen könnte: es sind Filme, der Nasa, die die Künstlerin zu einem Loop montiert hat. Diese Bilder machen sprachlos: Faszination, Erstummen und Ehrfurcht stellen sich ein. Die Phänomene der Sonnenstürme, die wir sehen, sind jenseits des Vorstellbaren. Die Sonne ist das große Herz unseres Planetensystems. Das Zentrum um das die Erde kreist. Die Sonne spendet mit ihrer gewaltigen Kraft und jedes Maß sprengenden Energie Licht und Wärme und Leben. Die Sonne, die auf alles scheint, bedingungslos und ohne Unterscheidung ist auch ein starkes Bild der allumfassenden Liebe, wie sie durch Christus verkörpert ist.

Der Mond als Gegenpol und letztes Teil der Installation ist im Gegensatz zur heißen Sonne kühl. Während die Sonne nach außen wirkt, zieht der Mond nach Innen. Er erhellt die dunklen Nächte, er bestimmt den Rhythmus der Meere, er findet eine Entsprechung im Zyklus der Frau. Während wir die Sonne mit bloßen Augen nicht betrachten können, ist der Mond uns nah und vertraut. Wir entdecken in ihm Bilder, er 'hängt' am Himmel, in Kinderliedern und Märchen wenden wir uns ihm zu. Obwohl vom Menschen bereits betreten, bleibt er doch jenseits der wissenschaftlichen Forschung auch der treue und tröstende Begleiter der Nacht.
In Schallers Projektion rotiert auch er und in seinem Inneren erscheinen leuchtend weiße Gestalten, die sich liebevoll in den Arm nehmen. Sind es Engel, sind es Liebende, Mann und Frau, Mutter und Kind, Bruder und Schwester, Schutzbedürftiger und Schutzgebender?
Es bleibt offen und für jeden Betrachter in seiner Interpretation annehmbar.
Die 'Heart Filling Station' ist eine Arbeit, die durch intuitiv erfassbare Symbole sowie durch langsame, rotierende Bewegungen eine meditative Wirkung auf den Betrachter ausübt. Sie geht vom individuellen, nämlich einem einzelnen durch Ultraschall sichtbar gemachten Herzen aus und sie weitet sich ins kosmisch-grenzenlose.

Die Künstlerin versteht die Arbeit als eine 'Einladung zum Sein'. Jeder darf sich auffüllen lassen mit Herz-Energie. Die Sonne scheint auf alle Menschen, jeder kann die Kirche betreten. Es gibt eine Botschaft, die Valerie Schaller in diesem Zusammenhang wichtig ist: Jeder Mensch ist wertvoll, durch seine bloße Existenz. Jede Unterscheidung, die wir machen, ist menschengemacht. Für sie ist die Heart Filling Station auch eine Aufforderung sich denjenigen zuzuwenden, die im Schatten stehen. Damit hat sie in dem Raum der Allerheilgen-Kirche in Frankfurt den bestmöglichen Ort für diese Message gefunden!